(De) Der polnische Einwanderer Leonard Kaczmarkiewicz soll in den 1920er Jahren riesige Ländereien in den Bergregionen und ländlichen Gebieten rund um Rio de Janeiro erworben haben. Trotz seiner polnischen Herkunft war Kaczmarkiewicz unter seinen Nachbarn als o Alemão, (der Deutsche), bekannt, und seine Ländereien wurden entsprechend Morro do Alemão (Deutscher Hügel) getauft. Im brasilianischen Portugiesisch bezieht sich der Begriff alemão jedoch nicht allein auf die deutsche Nationalität – er wird inzwischen als eine Art Sammelbegriff für alles Fremd- oder Andersartige verwendet. Wie genau dieser Begriff über die Stadtgrenzen hinaus in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen. Fest steht jedoch, dass diese Fehlbezeichnung im Laufe der Zeit tiefere Bedeutungen erhalten hat und heute als Synonym sowohl für weiße Ausländer*innen als auch für antagonistische Kräfte wie die Polizei oder rivalisierende
Banden verwendet wird.
Die zentrale Bedeutung des Andersseins und der Entwurzelung in Paulo Nazareths künstlerischer Praxis ist bereits vielfach thematisiert worden. Dennoch erfordert die Auseinandersetzung mit dem Œuvre des Künstlers eine ständige Reflexion dieser Begrifflichkeiten. Für Nazareth geht Entwurzelung über den Begriff der Migration hinaus – sei sie nun erzwungen oder freiwillig. Nazareth schöpft die Energie für seine Arbeit aus dem Dazwischen, das von Austausch und Begegnungen geprägt ist, die sich in Zwischenmomenten entfalten. Er bleibt in ständiger Bewegung und fördert Verbindungen zutage, die manchmal temporär sein mögen, aber stets von afrodiasporischen und indigenen Traditionen geleitet werden. In seiner Praxis zeichnet er ein komplexes Beziehungsgeflecht nach, das Brüche und Variationen in hegemonialen Narrativen erzeugt. Nazareth wandert nicht einfach auf ein Ziel zu – er schweift bewusst ab, indem er immer wieder Orte aufsucht, an denen einst seine Ahn*innen wandelten, schliefen, Nahrung anbauten, kämpften, liebten und träumten.
Trotz seiner Beschäftigung mit historisch aufgeladenem Material, nähert er sich der sich wandelnden Bedeutung des Wortes alemão auf ausgesprochen spielerische Weise an. In seiner jüngsten Ausstellung vollzieht er mit dem Begriff ALLEMANN eine sprachliche Wendung. Im Deutschen ist alle Mann sowohl ein Befehl als auch eine Anspielung auf den „universellen Menschen“ oder das kollektive Andere. Die Überschneidungen des Gebrauchs in Brasilien und Deutschland verdeutlichen, wie sich in einem einzigen Wort Machtverhältnisse und soziale Hierarchien manifestieren, indem es über die Zugehörigkeit bzw. Ausgrenzung von Personen entscheidet. In ALLEMANN reagiert Nazareth mit Rhythmus und Wortspiele auf diese ineinandergreifenden Geschichten. Sein langjähriges Interesse an historischer und geografischer Entwurzelung übersetzt sich in diesem neuen Werkkomplex in eine Entwurzelung der Sprache selbst und regt zu einer Auseinandersetzung damit an, wie Worte funktionieren. Wie viele Bilder kann ein Wort enthalten? Wie viele Bedeutungen kann es haben? Was passiert, wenn Sprache nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit reist?
Für ALLEMANN verwebt Nazareth Elemente der brasilianischen und deutschen Geschichte zu Bildwerken, die Jahrhunderte kolonialer Hinterlassenschaften und Emanzipationskämpfe in Lateinamerika, Afrika und Europa aufgreifen. Diese historischen Bezüge treffen auf Alltagsszenen der Gegenwart und evozieren Situationen, die von kleinen Machtkämpfen geprägt sind und unsere Gegenwart bis heute prägen.
In Amarelo-Laranja (2025), einer Serie kleinformatiger Malereien, sind einsame Figuren vorHintergründen in Gelb- und Orangetönen zu sehen. Jede Figur stellt eine gewöhnliche Bürgerin dar, die einer alltäglichen Tätigkeit nachgeht. Die Serie Verde (2025) fungiert als Gegenstück dazu: Aus ihren grünen Hintergründen, die mitunter ins Blaue übergehen, treten historische Persönlichkeiten aus der Kolonialvergangenheit hervor. Diese tragen Waffen, Kreuze oder andere koloniale Symbole und erinnern an Personen, die ihre Macht durch Gewalt festigten – ähnlich den Bandeirantes, die die koloniale Expansion Brasiliens prägten. Beide Serien verwenden flache Hintergründe mit minimalen Farbvariationen und zeigen serielle Figuren, die aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst sind. Hanelt es sich bei den Figuren aus Amarelo-Laranja um die Bewohnerinnen von Alemão? Handelt es sich bei den historischen Figuren in Verde um die Unterdrückerinnen ihrer Ahninnen? Solche Fragen lassen unzählige Narrative zu, von denen viele fragmentarisch sind, die jedoch im Zusammenspiel die vielschichtigen Realitäten dieses Landes offenbaren.
Die Serie EBOH (2025) besteht aus einer Gruppe von Alguidares – Tongefäßen, die traditionell in afrodiasporischen Religionen in ganz Amerika verwendet wurden. In Brasilien spielen diese Gefäße eine zentrale Rolle im Candomblé, einer Religion, die aus dem Zusammenfluss verschiedener spiritueller westafrikanischer Lehren, darunter der Yoruba – die während der Zeit der Sklaverei gewaltsam in das Land verschleppt wurden –, hervorgegangen ist. In rituellen Kontexten werden die Alguidares verwendet, um den Orixás, den Gottheiten der westafrikanischen Kosmologie, Speisen zu opfern. Hier sind die Gefäße jedoch nicht mit Speisen, sondern mit Beton und Fliesenstücken gefüllt. Nazareth beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den Bauten der Sambaquieiros. Diese Gemeinschaften leben seit Jahrtausenden an der brasilianischen Küste und haben Anlagen errichtet, die prähistorischen Hügeln ähneln. Diese aus Sand, Erde, Knochen, Muscheln und anderen Mineralien bestehenden Bauten zeugen von Gesellschaften, die älter sind als die Kolonialgeschichte. Aufgrund ihrer monumentalen Größe bieten die Bauten Nazareth einen Raum, in dem er über die Vergangenheit der Region reflektieren kann.
Eine Gruppe von sechs auf Holzstangen aufgerollten Plakaten erinnert an die gegensätzlichen politischen Strömungen und Ideologien Deutschlands in den 1930er
Jahren. Die von der kommunistischen Propaganda Deutschlands und Russlands inspirierte Serie thematisiert den Kampf um die politische und historische Deutungshoheit und den Wunsch, alternative politische Zukunftsvisionen zu entwickeln. Diese Visionen wurden letztlich zerschlagen und ihr Scheitern ebnete den Weg für Regime, die sich in erster Linie durch verschärfte Ausbeutung und staatliche Gewalt auszeichneten. In Nazareths Adaption fungieren die Plakate nicht als historische Artefakte, sondern als Echos und Geisterbilder. Ohne ihre ursprünglichen Slogans und ideologischen Gewissheiten stehen sie sinnbildlich dafür, wie leicht emanzipatorische Sprache kooptiert, entleert oder gegen genau jene Gemeinschaften gerichtet werden kann, die sie einst zu mobilisieren suchte. Während sich Nazareth in den übrigen Werken der Ausstellung mit kolonialem Erbe, spiritueller Resilienz und dem wandelbaren Leben von Worten auseinandersetzt, liegt den Plakaten ein zyklisches Verständnis von Geschichte zugrunde, in dem ungelöste Kämpfe in neuem Gewand erscheinen.
ALLEMANN sensibilisiert uns für die Macht als eine Choreografie, die sich auf einem unsicheren Terrain aus Benennung, Bildsprache und Synkopierung entfaltet. Innerhalb dieser endlosen Bewegung wird die Figur des „Anderen” ständig neu geschaffen und wieder aufgelöst. In den entlegensten Winkeln unserer kollektiven Vorstellungskraft neu erfunden, oszilliert sie beständig zwischen Subjekt und Objekt.
Text von Thiago de Paula Souza